Stuttgart braucht ein Haus für Film und Medien (HFM)

Film und Fernsehen haben als Leitmedien des 20. Jahrhunderts die Wahrnehmung der Welt verändert. Inzwischen haben Onlinevideos, Video-on-Demand und Live-Streaming im Bereich der audiovisuellen Mediennutzung massiv an Bedeutung gewonnen. Im 21. Jahr­hundert hat sich das meist digitale Bewegtbild zu den prägendsten Medien unserer Zeit entwickelt und ist unter anderem auf Plattformen wie YouTube, in sozialen Netzwerken, beim Gaming und Virtual Reality-Anwendungen präsent. Die Digitalisierung ist inzwischen in allen Lebensbereichen angekommen und  hat weiterhin wachsenden Einfluss auf Bereiche wie Arbeit, Freizeit, Sozialisation, politische Öffentlichkeit und zivilgesellschaftliches Engagement.

So ist der Umgang mit Bewegtbildern ständiger Bestandteil in der digitalen Erlebniswelt von Smartphone, Internet, Fernsehen, Games etc. und Medienerfahrungen werden inzwischen bereits ab dem ersten Lebensjahr gesammelt. Dies geschieht meist in Form von unkritischer Nutzung mit wenig Verständnis oder Wissen darüber, ob, warum und wie die eigene Persönlichkeit dabei beeinflusst wird. Deshalb ist es besonders wichtig, Kinder und Jugend­liche aber auch alle Mitglieder unserer Gesellschaft zu einem selbstständigen und mündigen Leben in der digitalen Welt zu befähigen und sie frühzeitig zu einer kritischen Souveränität zu begleiten. Wer versteht, wie sich mit Hilfe der Green-Box-Technik nachträglich Hintergründe einfügen lassen, zudem gelernt hat, wie gefälschte Facebook Accounts und sogar künstlich geschaffene Nutzergruppen Stimmung für eine Thematik erzeugen können, mit Spaß Virtual-Reality-Anwendungen ausprobieren und sogar program­mieren kann, der wird zum emanzipierten Nutzer und im besten Fall Gestalter oder gar Publizist eigener Positionen. Und in diesem Sinne können wir dabei helfen, bereits Kinder im Kindergarten­alter zu selbständigen ProduzentInnen werden zu lassen.

In der grenzenlosen digitalen Angebotsvielfalt verlieren sich heute bereits viele Menschen aller Altersschichten. Bürgerinnen und Bürger fühlen sich von den aktuellen Entwicklungen der Digitalisierung, die zur Zeit mit Schlagworten wie „digitaler Transformation“ oder speziell in Stuttgart auch „digitalem Strukturwandel“ bezeichnet werden, überfordert. Die gesell­schaftlichen Rahmenbedingungen sind in Bewegung, in diesem Zusammenhang wird auch von der „VUCA“-Welt gesprochen, die sich durch die Faktoren „Volatility“ (Schwankung), “Uncertainty“ (Unsicherheit), „Complexity“ (Komplexität) und „Ambigiutity“ (Ambiguität) beschreiben lässt. Dadurch ergibt sich bereits heute ein neuer öffentlicher Auftrag zur Förderung digitaler Kompetenzen und Ermöglichung von digitaler Teilhabe.  Hierzu gehören die Produktion, Distribution, Sendung, Ausstellung, Vermittlung und Aneignung, die Produktion sowie Speicherung und Sammlung von bewegten Bildern in den unterschied­lichsten Kontexten.

Stuttgart benötigt infolgedessen ein Haus für Film und Medien, das den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt ein an aktuellen Entwicklungen orientiertes, niederschwelliges, interdisziplinäres, medienpädagogisches und kulturell hochwertiges Programm anbietet. Dazu gehören Filme im Originalton, Dokumentarfilme (auch zu aktuellen Themen), begleitende Film- und Medienangebote zu gesellschaftlichen Diskussionen und Ereignissen, schulische und außerschulische medienpädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche, Digital Learning Labs zur Vermittlung digitaler Basiskompetenzen an eine breitere Öffent­lichkeit, ein Haus für die vielen Kreativen und die blühende Szene der Filmemacher aller Formen – all das soll in diesem Haus ein sich belebendes Miteinander finden.

Stuttgart verfügt über eine reichhaltige Kulturlandschaft mit zahlreichen Einrichtungen von bundesweiter sowie internationaler Ausstrahlung. Durch breit gefächerte Angebote mit partizipativen Elementen wie die Stadtbibliothek, das Kunstmuseum oder das Stadtpalais, zeigt die Stadt Stuttgart ihre Zukunftsorientierung auf kultureller Ebene. Betrachtet man das Angebot im Bereich audiovisueller Medien, so trübt sich das Bild etwas ein. Obschon das Bewegtbild das bei weitem einflussreichste Medium des 21. Jahrhunderts geworden ist – von YouTube über soziale Netzwerke, Video-on-Demand-Dienste, Live-Streaming-Angebote, Kino und Fernsehen bis hin zu Gaming- und Virtual Reality-Anwendungen – klafft hier im permanenten öffentlichen Kulturangebot eine Lücke; wenn auch Festivals, Hochschulen und privatwirtschaftliche Unternehmen dieses zentrale Kultur- und Kreativwirtschafts­segment bereits sehr aktiv und erfolgreich bespielen.

In Deutschland existieren derzeit etwa 140 kommunale Kinos. In Städten wie München, Berlin, Frankfurt oder Hamburg, aber auch Freiburg, Mannheim und Karlsruhe bieten Kommunale Kinos den Raum für eine Auseinandersetzung mit Film und Medien. In Stuttgart wurde das Kommunale Kino 2007 geschlossen, womit Stuttgart die einzige Landeshauptstadt ohne ein vergleichbares Angebot ist – und das im Bundesland mit der zweitstärksten Landschaft kommunaler Kinos.

Klar ist aber auch, dass ein zeitgemäßes Angebot viel mehr umfassen muss, als eine Abspielstätte ausgewählter Filme. Kino und Film sind inzwischen viel stärker über Medienkonvergenz und digitale Transformationen mit anderen Medienangeboten verbunden.

Andere Standorte wie Karlsruhe mit dem ZKM Zentrum für Kunst und Medien sowie seit dem Frühjahr 2019 Heilbronn mit dem Science-Center Experimenta, thematisieren aktuelle Entwicklungen im Bereich Medien und nehmen gleichzeitig einen medienpädagogischen Bildungsauftrag wahr. Bisher fehlt aber nicht nur in Stuttgart, sondern in ganz Baden-Württemberg ein öffentlicher, dauerhafter, physischer Ort mit dem Schwerpunkt Bewegtbild, der neue und sich neu entwickelnde Medien in den unterschiedlichsten Anwendungsbereichen ins Zentrum stellt.

Das bedeutet, Film und Medien

  • zu präsentieren
  • erfahrbar zu machen
  • auszuprobieren und für eigene Publikationen zu nutzen
  • sowie einem kritischen Diskurs zuzuführen

Kurz: Stuttgart braucht ein Haus für Film und Medien!

Ein Haus für Film und Medien soll sich als eine zentrale Kultureinrichtung etablieren, die weit über die Stadt hinausstrahlt und gut zur ambitionierten Smart-City-Strategie „Digital MoveS – Stuttgart.Gestaltet.Zukunft“ passt. In Ergänzung zur hervorragenden Hochschul- und Festival­­landschaft sowie der boomenden Kreativwirtschaft, wird sich Stuttgart als innova­tiver Standort für Film und Medien hervorheben können. Die bisherigen Analysen bundes­weiter und internationaler Vorbilder, einschließlich Vor-Ort-Besuche entsprechender Ein­richtungen u.a. in Amsterdam, Madrid und Zürich, zeigen deutlich, dass etwas Vergleich­bares zum geplanten HFM bisher nicht existiert:

  • Einzigartig ist die Kombination der Grundelemente des Hauses, bestehend aus Kinos, Labs, Studios und Workshop-Räumen für aktive Medienarbeit und Publikationen, Veranstaltungs- und Ausstellungsbereichen sowie Gastronomie.
  • Ausgehend vom Medium „Film“ werden die aktuellen Entwicklungen im gesamten Bewegtbild- und Mediensektor z.B. in den Bereichen Animation & Visuelle Effekte, Games, Software, Virtual & Augmented Reality, digitale Plattformen und Künstliche Intelligenz
  • Die Initiative für das neue Haus geht von dem Zusammenschluss von 25 nicht­kommerziellen Institutionen aus. Somit stehen dem HAUS FÜR FILM UND MEDIEN STUTTGART (HFM) die jeweiligen vielfältigen Kontakte für Kooperationsmöglich­keiten zur Verfügung – ein unschätzbares Potential für eine herausragende inhaltliche Arbeit des Hauses.